Löhne. Am vergangenen Dienstag unterstützte die Junge Union Löhne den lokalen CDU Stadtverband bei der Durchführung eines CDU Themenabends. Das Thema war Freiheit. Zu Gast war Dr. Wolfgang Welsch.
Welsch ist ein deutscher Publizist und ehemaliger Fluchthelfer für aus der DDR Flüchtende. 1981 überlebte der ehemalige DDR-Dissident nur knapp mehrere Mordanschläge von Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit.
Somit musste Dr. Wolfgang Welsch leider am eigenen Leib erfahren, was "die Mauer" ganz konkret für mutige Kritiker und Demokraten bedeutete.
 „Es war ein wirklich beeindruckender Bericht über eine Zeit, die viel zu Viele vergessen oder verdrängen. Gerade junge Menschen sollten sich mit diesem Kapitel deutscher Geschichte befassen“, mahnt Christian Knollmann, Vorsitzender der Jungen Union Löhne.

»Ich war Staatsfeind Nummer 1«

Wolfgang Welsch berichtet über sein Leben im Widerstand

Von Wilhelm Adam

Löhne (LZ). »Kann ein Opfer dem Täter verzeihen?« hat Wolfgang Welsch am Dienstag in der Werretalhalle vor etwa 80 Zuhörern gefragt. »Ich konnte es. Mein damaliger Freund Peter Haack, der mich für die Stasi ausspähte und ein Mordkomplott gegen mich einfädelte, zeigte im Prozess aufrichtige Reue.«
Wolfgang Welsch (links) ist auf Einladung des CDU-Kreisvorsitzenden Florian Dowe nach Löhne gekommen.
In seinem Vortrag hat der Publizist über sein Leben im Widerstand gegen die DDR berichtet. Wolfgang Welsch war auf Einladung des CDU-Kreisvorsitzenden Florian Dowe nach Löhne gekommen, um aus seinem Leben im Widerstand zu erzählen. Auch 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des ostdeutschen Staates sei längst nicht alles Unrecht aufgearbeitet. »Nur 43 verurteilte Täter waren bis heute auch tatsächlich im Gefängnis. Das dritte SED-Unrechtsbereinigungsgesetz ist ein Hohn«, meint Welsch.
Dieses Gesetz hatte im Jahr 2007 die rot-grüne Bundesregierung verabschiedet. Seitdem erhalten ehemalige politisch Verfolgte monatlich 250 Euro, wenn sie sechs Monate inhaftiert waren. Kaum etwas habe sich seitdem verändert, sagt Wolfgang Welsch. Nach seiner Einschätzung leben einige hunderttausend Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen aus Haft und Folter zu DDR-Zeiten in der Bundesrepublik. »Unsere Freiheit ist unersetzlich und unser Rechtsstaat trotz aller Nebenübel ein hohes Gut.« Dass Sarah Wagenknecht beim Sonntagsgespräch der »Poetischen Quellen« Ende August in Bad Oeynhausen auch zum Thema »Freiheit« gesprochen habe (LÖHNER-ZEITUNG am 29. August), beschäme ihn, sagte er. Noch immer wird der Auftritt der Linken-Politikerin in der Werrestadt kontrovers diskutiert. »Die Amnesie dieser Leute bleibt gefährlich, sie haben vergessen, wie es wirklich war.« Zu vieles werde nach dem Motto, nicht alles sei schlecht gewesen, verklärt. »Aber warum waren denn die Mieten so billig? Weil die Häuser zerfielen.« Von Anfang an sei die DDR auf Lügen aufgebaut worden. »Jede Wahl der Volkskammer, ob die erste oder letzte vor der Wende, war gefälscht.« Unfreiheit habe schon früh in der Schule begonnen und schnell »im Kugelhagel an der Grenze geendet, wenn die Leute abhauen wollten.«
Der heute 67-jährige Publizist war ins Visier der Staatssicherheit geraten, als er 1964 vergeblich versuchte, aus der DDR zu fliehen. 1971 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. »40 Leute haben mit mir im Bus gesessen, alle unschuldig«, ist Welsch überzeugt. Besonders emotional sei das Wiedersehen eines Ehepaares gewesen, das sich nach langer Haftzeit traf. »Die Stasi hat ihnen in Verhören unterzeichnete Geständnisse des Ehepartners und dessen Einverständnis zur Scheidung vorgelegt. Die beiden wussten, dass das gelogen war.«
Im Westen betätigte sich Wolfgang Welsch als Fluchthelfer, verfasste im Jahr 1973 vor dem geplanten Beitritt beider deutscher Staaten zu den Vereinten Nationen eine schriftliche Petition über alle Gefängnisse der DDR, in denen gefoltert wurde. Tatsächlich wurde seine Schrift bei der UNO in New York für die Delegierten aller anwesenden Staaten ins Englische übersetzt, darunter fanden sich auch die Diplomaten der DDR.
»Seitdem war ich für die der Staatsfeind Nummer Eins.« Keine der Fluchten, die er gemeinsam mit Freunden organisierte, sei gescheitert. »Bürger flogen aus der DDR mit einem West-Ticket nach Sofia. Dort übergab ich ihnen einen westdeutschen Pass.« Das Einreisedatum nach Sofia und das Ausreisedatum nach Rumänien war mit gefälschtem Stempel bereits eingetragen. »Dieses Ausreisedatum musste der Flüchtling unbedingt einhalten, sonst wäre er aufgeflogen.« Mit ihrer Operation »Skorpion« habe die Staatssicherheit seit 1973 versucht, ihn zu ermorden. Dass die Stasi keine Mordaufträge erteilt habe, sei gelogen, sagte Wolfgang Welsch.
Er selbst habe trotz Bedrohung und Angst gelernt, seinem Gewissen zu folgen und sich aufzulehnen. »Wichtig ist, dass man etwas tut, dann kann man viel erreichen.« Dieses Unrechtssystem habe ihn nicht besiegt.

Quelle: Westfalen-Blatt Löhne, 24.11.2011