Herford. Am Mittwoch besuchte die Junge Union die jüdische Gemeinde in Herford und informierte sich über die Situation der Juden im Widukindkreis.

Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft waren die Themen als die Junge Union unter der Leitung von Angela Thiele bei Harry Rothe, dem ersten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, zu Gast war. Als dritte Station in der Themenreihe Integration, wollte sich die JU nach den Besuchen in muslimischen und menonitischen Gemeinden über die Situation der Juden in Herford informieren. Denn nach Ende des kalten Krieges sind nicht nur viele Christen aus dem damaligen Ostblock eingewandert, auch zahlreiche russische Juden sind nach Deutschland gekommen, um in Freiheit ihre eigene Religion ausleben zu können.
Herr Rothe erzählte von den Neuanfängen nach dem Zweiten Weltkrieg und den damit zusammenhängenden Schwierigkeiten, die ein in Holland geborener Junge im neuen Deutschland überwinden musste. „Sie können sich vorstellen, wie schwierig es für einen kleinen Jungen war, der auf Deutsch nur die Worte „Hexe“, „Sonne“ und „aus“ kannte.“ erzählte Rothe seine eigene spannende Lebensgeschichte. Er selbst war für einige Zeit als kleiner Junge in Konzentrationslagern interniert gewesen und hat überlebt. Zu den Hauptaufgaben des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde gehöre nach Aussage von Herrn Rothe die Integration seiner russischen Gemeindemitglieder. Mittlerweile besitzen über 80% von ihnen einen Migrationshintergrund, was den Vorsitzenden vor große Herausforderungen stellt. So organisiert die Gemeinde aus Eigeninitiative beispielsweise Deutschunterricht. Aber nicht nur sprachliche Probleme seien die alleinige Herausforderung, denn unter der sowjetischen Diktatur wurde die Ausübung jeglicher Religion dramatisch unterdrückt, mit der Folge, dass auch viele Juden ihren eigenen Glauben nicht mehr richtig verständen. So liegt eine Kernaufgabe darin, diesen Menschen bei der Widerfindung der eigenen Identität zu helfen, so der Vorsitzende der Gemeinde. Auf die Frage hin, warum er sich so für das Ehrenamt einsetze, antwortete Herr Rothe: „Ich bin dankbar, dass ich überlebt habe und von dieser Dankbarkeit möchte ich etwas weitergeben.“ „Die Arbeit von Herrn Rothe und seiner Gemeinde ist ein herausragendes Beispiel für Eigenverantwortung und Weitsicht in der Auseinandersetzung mit dem Thema Integration. Herr Rothe ist ein Beispiel dafür, dass Integration bei einem selbst anfängt, indem man auf seine Mitmenschen zugeht und ihm oder ihr hilft, sich in unserer Gesellschaft einzugliedern. Sei es nun durch Sprachförderung oder Religionsunterricht. Das ist Zivilcourage.“ Sagte Angela Thiele. Die jüdische Gemeinde freut sich auf den Beginn des Neubaus der Synagoge im nächsten Jahr. Das alte Gotteshaus in der Komturstraße ist 1934 der Reichspogromnacht zum Opfer gefallen und wurde durch den nationalsozialistischen Wahnsinn bis auf die Grundmauern heruntergebrannt und geplündert. „Ich freue mich besonders über den Wiederaufbau der Synagoge. Dieser Schritt zeigt einen Heilungsprozess auf, der Stück für Stück voranschreitet und so eine große Wunde in unserer Stadt schließt. Ich freue mich auf den Tag, an dem die Synagoge wieder steht und dadurch das kulturelle und religiöse Bild Herfords wieder komplett ist.“ Beendetet Angela Thiele die Veranstaltung.